Die Christrose – Novelle von Felix Timmermans

Da liegt sie in der Zigarrenkiste, die Christrose, die Rose von Jericho, die wunderbare, schöne Blume. Sie liegt da und wartet auf die heilige Nacht, sie liegt da, trocken und ineinandergerollt mit einem schüchternen Duft von Spezereien.

Am Heiligen Abend, wenn es dunkel geworden ist, kommen die Kinder und bitten: „Zeig uns doch, wie die Rose von Jericho sich öffnet.“

Ich nehme eine tiefen Teller, gieße warmes Wasser hinein und setze das grünlich-rote Knäuel, das sich wie ein Büschel hartes Gras anfühlt, darauf. Sogleich saugt sich die Rose voll und blüht, nachdem sie ein Jahr lang in der Zigarrenkiste gelegen hat, unter der Berührung des Wassers auf. Die langen Stengel falten sich auseinander, einer nach dem anderen recken sie sich lang, schlagen einen Bogen nach außen und legen sich auf die Wasserfläche, bis die Rose von Jericho, die Christrose, die schöne Blume, ganz erblüht ist am Heiligen Abend.

Wieder einmal ist das Wunder geschehen, die Christrose ist erblüht.

Eine Nach, dann wandert sie wieder auf ein Jahr in die Zigarrenkiste zurück.

Ein paar Wochen vor dem Kriege habe ich sie von einem Hausierer gekauft, der die Blumen von Tür zu Tür feilbot. Der Mann rief in singendem Tonfall durch die Straßen: „Kauft, kauft die Rose von Jericho, die in der Heiligen Nacht aufblüht und wunderbar duftet. Nur fünf Cent kostet die schöne Blume. Das Dutzend einen halben Franken! Die wunderbare Blume, die Blume aus der Wüste, die keinen Tropfen Wasser bekommt. Sie wächst und vergeht ohne einen Tropfen Wasser gekostet zu haben. Als Maria, die reine Magd, auf der Flucht nach Ägypten die gewaschenen Windeln auf diese grüne Blume zum Trocknen legte, ist sie aufgeblüht, und zur Erinnerung daran öffnet sie sich jede Heilige Nacht, man braucht sie nur in warmes Wasser zu legen.“

Und er legte eine von den trockenen Rosen in einen Blechnapf mit warmem Wasser. Und vor den Augen des neugierigen Volkes vollzog sich das Wunder der Christrose an einem Sommertag.

Als ich noch ein kleiner Junge war, gingen wir Weihnachten zu Bettken Snaps, um für einen Cent das Blumenwunder zu sehen. Eine Menschenschlange schob sich heran. Man war erregt und gerührt. Zumal als Bettken Snaps die Legende von den Windeln erzählte.

Da fragte plötzlich einer: „Geht denn die Blume an einem anderen Tage nicht auf?“

Und Bettken erwiderte barsch: „An einem anderen Tage versucht man es nicht. Wozu wäre sie sonst eine Christrose.“

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