Wie die „Rose von Jericho“ in unsere Familie kam

Eine Woche vor Weihnachten kam Thomas, ein Freund unserer Kinder, zu Besuch.

„Ich habe euch etwas mitgebracht – eine Rose.“

„Thomas, du brauchst doch keine Blumen mitzubringen, wenn du zu uns kommst!“

Doch Thomas lachte verschmitzt, und mich beschlich das ungute Gefühl, daß irgendetwas nicht stimmte.

Und tatsächlich, Thomas kramte in seiner Tasche und holte eine unscheinbare, braune Papiertüte hervor. Ich öffnete sie vorsichtig, und zu unserer Überraschung kam ein faustgroßes rundes Knäuel zum Vorschein. Es sah wie ein Büschel hartes Gras aus, braun-grau mit einem leichten grünen Schimmer.

„Was ist denn das?“ rief Tobias.

„Das ist eine Rose – die Rose von Jericho“, erzählte Thomas. „Mama hat sie auf dem Weihnachtsmarkt gekauft. Wenn ihr sie in eine Schale mit lauwarmem Wasser legt, werdet ihr erleben, was in ihr steckt!“ Daß in diesem trockenen Etwas, diesem heuähnlichen Kügelchen was „stecken“ sollte, glaubten wir alle nicht. Aber: man ist ja höflich zu seinen Gästen…

Thomas wußte zu berichten, daß die Rose von Jericho – oder Christrose, wie sie auch genannt wird – zuerst von den Kreuzfahrern und später von Pilgern aus dem Heiligen Land mitgebracht wurde. Sie war sehr selten und galt als merkwürdig – warum, nun das sollten wir ja auch noch erfahren.

Christoph füllte eine Schale mit warmem Wasser, und wir legten unsere „Rose“ hinein. Eine kleine Weile schauten wir gespannt zu – es tat sich aber nichts, und die Kinder gingen mit Thomas spielen.

Nur Christoph ließt nicht locker, er kam von Zeit zu Zeit und schaute nach der Rose. Und tatsächlich, nach etwa 10 Minuten rief er uns – und wir konnten zusehen, wie sich aus unserem dürren Grasknäuel Stengel für Stengel nach außen faltete, sich einer nach dem anderen reckte, um sich dann auf der Wasseroberfläche auszubreiten. Die Blätter nahmen Farbe an, begannen zu grünen und sich in ihrer ganzen Pracht als Christrose zu entfalten.

Jetzt konnten wir verstehen, warum sich im Laufe der Zeit so viele Geschichten und Legenden um die Rose von Jericho gebildet haben.

„Das ist ja wie Weihnachten“ sagte Tobias.

Überrascht schauten wir ihn an.

„Na, seht doch – auch Jesus kam ganz klein und unscheinbar in die Welt, und erst später hat sich gezeigt, was in ihm steckte und wer er eigentlich war.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die „Christrose“ in einigen Gegenden Deutschlands Jahr für Jahr den Kindern am Heiligen Abend als kleines Wunder unter dem Tannenbaum gezeigt wird.

Denn genauso wie sich unsere Rose von Jericho mit Hilfe des Wassers entfaltet hatte, genauso zog sie sich wieder zusammen, als sie kein Wasser mehr hatte.

Sie hat jetzt das ganze Jahr im Bücherregal gelegen. Bald holen wir sie wieder hervor, denn Thomas kommt zu Besuch und wir haben Weihnachten!

 

Annedore Fleischer

Diese Erzählung ist dem Adventkalender „Wir sagen euch an Advent 1997/98“ des Bistums Essen entnommen (29.12.)

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