Prophezeiung der Königin Sybille von Griechenland

Frau Martha Nosse aus Würzburg hat mir folgende Aufzeichnung weitergegeben:

„Ich stamme aus dem Sudetenland, Kreis Braunau. Als 13-jähriges Mädchen habe ich eine Prophezeiung abschreiben müssen von Königin Sybille von Griechenland, da war so vieles drin auch von dem Wunder von Jericho, da hieß es, als Josef die Weisung bekam ‚Nimm das Kind und seine Mutter und fliehe nach Ägypten!‘, ist die Mutter Gottes auf dem Esel sitzend durch das Stadttor und der hl. Josef hat den Esel geführt. Da haben die Wächter gesehen, daß die Frau etwas in ihrem Schultertuch verbirgt. Sie haben das Tuch aufgerissen und es war nur eine weiße Lilie oder Rose drin zu sehen, (aber ich glaube Blume stand drin).

Wie die „Rose von Jericho“ in unsere Familie kam

Eine Woche vor Weihnachten kam Thomas, ein Freund unserer Kinder, zu Besuch.

„Ich habe euch etwas mitgebracht – eine Rose.“

„Thomas, du brauchst doch keine Blumen mitzubringen, wenn du zu uns kommst!“

Doch Thomas lachte verschmitzt, und mich beschlich das ungute Gefühl, daß irgendetwas nicht stimmte.

Und tatsächlich, Thomas kramte in seiner Tasche und holte eine unscheinbare, braune Papiertüte hervor. Ich öffnete sie vorsichtig, und zu unserer Überraschung kam ein faustgroßes rundes Knäuel zum Vorschein. Es sah wie ein Büschel hartes Gras aus, braun-grau mit einem leichten grünen Schimmer.

„Was ist denn das?“ rief Tobias.

„Das ist eine Rose – die Rose von Jericho“, erzählte Thomas. „Mama hat sie auf dem Weihnachtsmarkt gekauft. Wenn ihr sie in eine Schale mit lauwarmem Wasser legt, werdet ihr erleben, was in ihr steckt!“ Daß in diesem trockenen Etwas, diesem heuähnlichen Kügelchen was „stecken“ sollte, glaubten wir alle nicht. Aber: man ist ja höflich zu seinen Gästen…

Thomas wußte zu berichten, daß die Rose von Jericho – oder Christrose, wie sie auch genannt wird – zuerst von den Kreuzfahrern und später von Pilgern aus dem Heiligen Land mitgebracht wurde. Sie war sehr selten und galt als merkwürdig – warum, nun das sollten wir ja auch noch erfahren.

Christoph füllte eine Schale mit warmem Wasser, und wir legten unsere „Rose“ hinein. Eine kleine Weile schauten wir gespannt zu – es tat sich aber nichts, und die Kinder gingen mit Thomas spielen.

Nur Christoph ließt nicht locker, er kam von Zeit zu Zeit und schaute nach der Rose. Und tatsächlich, nach etwa 10 Minuten rief er uns – und wir konnten zusehen, wie sich aus unserem dürren Grasknäuel Stengel für Stengel nach außen faltete, sich einer nach dem anderen reckte, um sich dann auf der Wasseroberfläche auszubreiten. Die Blätter nahmen Farbe an, begannen zu grünen und sich in ihrer ganzen Pracht als Christrose zu entfalten.

Jetzt konnten wir verstehen, warum sich im Laufe der Zeit so viele Geschichten und Legenden um die Rose von Jericho gebildet haben.

„Das ist ja wie Weihnachten“ sagte Tobias.

Überrascht schauten wir ihn an.

„Na, seht doch – auch Jesus kam ganz klein und unscheinbar in die Welt, und erst später hat sich gezeigt, was in ihm steckte und wer er eigentlich war.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die „Christrose“ in einigen Gegenden Deutschlands Jahr für Jahr den Kindern am Heiligen Abend als kleines Wunder unter dem Tannenbaum gezeigt wird.

Denn genauso wie sich unsere Rose von Jericho mit Hilfe des Wassers entfaltet hatte, genauso zog sie sich wieder zusammen, als sie kein Wasser mehr hatte.

Sie hat jetzt das ganze Jahr im Bücherregal gelegen. Bald holen wir sie wieder hervor, denn Thomas kommt zu Besuch und wir haben Weihnachten!

 

Annedore Fleischer

Diese Erzählung ist dem Adventkalender „Wir sagen euch an Advent 1997/98“ des Bistums Essen entnommen (29.12.)

Wie die Christrose entstand

In der Heiligen Nacht sprachen die Hirten zueinander: „Kommt, lasset uns nach Bethlehem gehen und sehen, was da geschehen ist.“ – Und sie machten sich eilends auf. Jeder nahm ein Geschenk mit: Butter und Honig, einen Krug Milch, Wolle vom Schaf und ein warmes Lammfell. Nur ein Hirtenknabe hatte gar nichts zum Schenken. Er suchte auf der Winterflur nach einem Blümchen. Er fand keins. Da weinte er, und die Tränen fielen auf die harte Erde. Sogleich sprossen aus den Tränen Blumen hervor, die trugen Blüten wie Rosen. Fünf Blütenblätter, zart und weiß, standen zum Kelch zusammen, daraus ein Kranz von goldenen Staubgefäßen gleich einer Krone hervorleuchtete. Voll Freude pflückte der Knabe die Blumen und brachte sie dem göttlichen Kind in der Krippe. Das Jesuskind aber legte segnend das Händchen auf das Wunder.

Seit der Zeit blüht die Blume jedes Jahr in der Weihnachtsnacht auf, und die Menschen nennen sie Christrose.

Die Christrose – Tränen im Wüstensand

Der Heilige Josef wurde in der Nacht vom Engel des Herrn geweckt. Dieser sprach: „Josef, Du mußt aufstehen und nach Ägypten fliehen! Herodes will das Kind töten.“ Josef packte eilends ein paar Sachen zusammen, holte den Esel und lud Maria und das Jesuskind auf und floh. Maria sagte: „Josef, wie sollen wir das schaffen, den langen Weg durch die Wüste?“ Und die Gottesmutter weinte bitterlich. Überall, wo eine Träne in den Wüstensand fiel, wuchs eine grüne Pflanze. So hatte der Esel etwas zum Fressen und konnte die heilige Last tragen. Dies ist das Geheimnis der Rose von Jericho.

(Weitergegeben von Agnes Kahlert, Höltinghausen)

Die Christrose im Schnee

Eine Legende berichtet, Gott habe im Stern nicht nur Hirten und Magiern den Weg zum Jesuskind gezeigt, sondern er habe auch überall, wo die Strahlen des Sternes von Betlehem die Erde berührt haben, eine Blume mit großer, weißer Blüte und dunkelgrünen Blättern wachsen lassen: die Christrose. Sie sollte auch noch anderen den Weg zeigen, die Christus suchen. Solch eine Christrose leuchtet in diesen Tagen im Winterwald mitten im Schnee.

Aus: Hoffsümmer – 255 Kurzgeschichten, Nr. 11,Grünewald,; vgl. dazu Konrad Baumgartner, in : Prediger und Katechet 1/77, S. 17 f.

Die Rose – nach Rainer Maria Rilke

Während seines Pariser Aufenthaltes ging Rilke täglich um die Mittagszeit in Begleitung einer jungen Französin an einer Bettlerin vorbei. Stumm und unbeweglich saß die Frau da und nahm die Gaben der Vorübergehenden ohne jedes Anzeichen von Dankbarkeit entgegen. Der Dichter gab ihr zur Verwunderung seiner Begleiterin, die selbst immer eine Münze bereit hatte, nichts. Vorsichtig darüber befragt, sagte er : „Man müßte ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ An einem der nächsten Tage erschien er mit einer wundervollen, halb erblühten Rose. Ah, dachte das Mädchen, eine Blume für mich, wie schön! Aber er legte die Rose in die Hand der Bettlerin.

Da geschah etwas Merkwürdiges: die Frau stand auf, griff nach seiner Hand, küßte sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang blieb sie verschwunden. Dann saß sie wieder auf ihrem Platz, stumm, starr wie zuvor. „Wovon mag sie die ganzen Tage über gelebt haben?“ Rilke antwortete: „Von der Rose!“

Auch aus der Rose von Jericho können Menschen in vielen Situationen Kraft schöpfen und davon leben, ähnlich wie die Bettlerin von der Rose Rilkes.

„Ich überlebte – dank der Rose von Jericho!“

Ein Mann war mit einer Gruppe unterwegs in der Wüste. Plötzlich brach ein Sandsturm los, so stark, daß keiner mehr den anderen erkennen konnte. Jeder war auf sich selbst gestellt.

Als der Sturm nachlies, stellte der Mann fest, daß er seine Gruppe verloren hatte. Er war allein. Nichts kam ihm mehr vertraut vor. Der Sturm hatte alle Spuren verweht. Nur die Sonne war an ihrem Platz und half ihm, die Richtung zu bestimmen. Schon nach kurzer Zeit quälte ihn der Durst. Mit aller Kraft versuchte er, vorwärts zu kommen. Doch je länger er unterwegs war, um so mutloser wurde er. Sand – nichts anderes umgab ihn. Erbarmungslos brannte die Sonne auf alles Leben, das sich regte.

Allmählich spürte der Mann, daß ihn seine Kräfte verließen. Wenn ich nicht bald etwas zu trinken finde, muß ich sterben, dachte er und schleppte sich weiter. Bis zum Abend fand er kein Wasser und keinen Menschen und war kurz davor, aus Verzweiflung aufzugeben. Erschöpft sank er nieder.

Da spürte er neben sich eine Pflanze. Vorsichtig tastete er sie ab. Sie war ganz vertrocknet und hart. Häßlich grau ragte sie aus dem sandigen Boden. Voller Abscheu sah sich der Mann das einzige Lebewesen neben sich an. So wird es mir auch bald ergehen, dachte er. Verdorren wird alles Leben in mir. Die Pflanze zeigt mir mein Schicksal.

Noch einmal wollte er sich aufraffen, doch er konnte keinen Schritt mehr gehen. Er schlief ein. Wirre Träume quälten ihn. Gegen Morgen wachte er fröstelnd auf. Die Nacht war kalt und sternenklar gewesen. Ihn fror. Wie mag es meiner Nachbarin, der Pflanze, gehen, dachte er und tastete nach ihr. Doch was war das? Sie fühlte sich ganz anders an als vorher. Erstaunt betrachtete sie der erschöpfte Mann. Die Pflanze hatte sich verändert: sie war grün geworden und hatte Ästchen und Zweige wie eine Rose entfaltet. Der Tau der Nacht hatte dies bewirkt. Nur ein wenig Feuchtigkeit hatte so viel Leben entstehen lassen. „Gestern warst du für mich die Ankündigung des Todes“, rief der Mann. „Willst du mir heute Mut machen zum Leben?“ Vorsichtig grub er die Pflanze aus. „Du kommst mit! Immer will ich dich spüren und sehen können. Wenn ich mutlos werde, sollst du mir Hoffnung geben!“

Der Verdurstende schleppte sich weiter vorwärts. Oft war er völlig mutlos, doch er gab nicht auf. Immer wieder sah er seine Pflanze an und richtete sich wieder auf.

Schließlich fand ihn eine Karawane. Menschen gaben ihm zu trinken und pflegten ihn. „Ohne die Pflanze hätte ich aufgegeben“, stammelte er mit dürren Lippen. „Nur wer Hoffnung hat, kann kämpfen. Sie gab mir immer wieder Hoffnung.“ Die Beduinen lächelten. Sie kannten die „Rose von Jericho“ und ahnten, was er sagte, obwohl sie seine Sprache nicht verstanden.

Solange der Mensch nur einen Funken Hoffnung auf Leben entfachen kann, ist er bereit zu kämpfen und hat die Kraft und den Mut, größere Durststrecken zu ertragen.

Diese Erzählung wird in der Hospizbewegung und in der Trauer-Begleitung eingesetzt; gut denkbar ist ihre Verwendung auch in der AIDS-Hilfe.

Die Christrose – Novelle von Felix Timmermans

Da liegt sie in der Zigarrenkiste, die Christrose, die Rose von Jericho, die wunderbare, schöne Blume. Sie liegt da und wartet auf die heilige Nacht, sie liegt da, trocken und ineinandergerollt mit einem schüchternen Duft von Spezereien.

Am Heiligen Abend, wenn es dunkel geworden ist, kommen die Kinder und bitten: „Zeig uns doch, wie die Rose von Jericho sich öffnet.“

Ich nehme eine tiefen Teller, gieße warmes Wasser hinein und setze das grünlich-rote Knäuel, das sich wie ein Büschel hartes Gras anfühlt, darauf. Sogleich saugt sich die Rose voll und blüht, nachdem sie ein Jahr lang in der Zigarrenkiste gelegen hat, unter der Berührung des Wassers auf. Die langen Stengel falten sich auseinander, einer nach dem anderen recken sie sich lang, schlagen einen Bogen nach außen und legen sich auf die Wasserfläche, bis die Rose von Jericho, die Christrose, die schöne Blume, ganz erblüht ist am Heiligen Abend.

Wieder einmal ist das Wunder geschehen, die Christrose ist erblüht.

Eine Nach, dann wandert sie wieder auf ein Jahr in die Zigarrenkiste zurück.

Ein paar Wochen vor dem Kriege habe ich sie von einem Hausierer gekauft, der die Blumen von Tür zu Tür feilbot. Der Mann rief in singendem Tonfall durch die Straßen: „Kauft, kauft die Rose von Jericho, die in der Heiligen Nacht aufblüht und wunderbar duftet. Nur fünf Cent kostet die schöne Blume. Das Dutzend einen halben Franken! Die wunderbare Blume, die Blume aus der Wüste, die keinen Tropfen Wasser bekommt. Sie wächst und vergeht ohne einen Tropfen Wasser gekostet zu haben. Als Maria, die reine Magd, auf der Flucht nach Ägypten die gewaschenen Windeln auf diese grüne Blume zum Trocknen legte, ist sie aufgeblüht, und zur Erinnerung daran öffnet sie sich jede Heilige Nacht, man braucht sie nur in warmes Wasser zu legen.“

Und er legte eine von den trockenen Rosen in einen Blechnapf mit warmem Wasser. Und vor den Augen des neugierigen Volkes vollzog sich das Wunder der Christrose an einem Sommertag.

Als ich noch ein kleiner Junge war, gingen wir Weihnachten zu Bettken Snaps, um für einen Cent das Blumenwunder zu sehen. Eine Menschenschlange schob sich heran. Man war erregt und gerührt. Zumal als Bettken Snaps die Legende von den Windeln erzählte.

Da fragte plötzlich einer: „Geht denn die Blume an einem anderen Tage nicht auf?“

Und Bettken erwiderte barsch: „An einem anderen Tage versucht man es nicht. Wozu wäre sie sonst eine Christrose.“